Wie wird sich die Arbeitswelt von morgen gestalten?

von Frank Schabel

Wenn nicht schon in den letzten Jahren, dann haben wir spätestens jetzt die Lektion gelernt: Aufgrund des hohen Grads an globaler Vernetzung und der damit verbundenen Beschleunigungen ist es kaum mehr möglich, Zukunft zu prognostizieren. Für Unternehmen und Akteure, die noch Fünf-Jahres-Pläne bauen und diese akribisch abarbeiten, sieht es nicht gut aus. Vielmehr wird die Zukunft der Volkswirtschaften von Unsicherheit, von Mehrdeutigkeiten und Risiken geprägt sein. Die Corona-Verwerfung, die aus dem Nichts kam, verstärkt die VUCA-Welt.

Wie sich die Arbeitswelt entwickeln wird, lässt sich daher nur mit einem Bleistift skizzieren, der sich jederzeit wegradieren lässt. Unter diesen Vorzeichen sind die folgenden Aussagen zu einer künftigen Arbeitswelt zu verstehen.

Digitalisierung über alles

Durch die Corona-Krise entsteht keine neue Arbeitswelt. Vielmehr forciert sie die bereits laufenden Entwicklungen. Dazu zählt, dass sich Arbeit in noch weit höherem Maße digitalisieren wird. Eine große Bandbreite des analogen Arbeitens lässt sich durch digitale Formate ersetzen. Konferenzen finden über Skype, Zoom oder andere Plattformen statt, gemeinsames Arbeiten und Austauschen über passende Collaboration-Werkzeuge. Dazu bedarf es jedoch nicht nur der passenden technologischen Lösungen und Plattformen, sondern auch integrierter Netzwerke und Infrastrukturen. In vielen Unternehmen müssen diese erst noch aufgebaut werden.

Auch das Lernen hat sich binnen Wochen von analog auf digital gedreht. Zwar stand e-Learning schon länger auf der HR-Tagesordnung, doch wurde es nicht flächendeckend gelebt. Nun nehmen digitale Lernformate rasant Fahrt auf. Damit verlagert sich Lernen noch stärker auf den direkten Arbeitsplatz, während Präsenzseminare an Gewicht verlieren.  

Es gibt jedoch auch Kehrseiten des digitalen Homeoffice: Arbeit verdichtet sich noch stärker und die Grenze zwischen Privat- und Arbeitssphäre verschwimmt. Dies geht zu Lasten der Gesundheit. Und über digitale Lösungen steigt die Gefahr, dass Menschen engmaschig kontrolliert werden. Zudem benötigen Unternehmen auch in einer atomisierten Arbeitswelt ein identitätsstiftendes Gemeinschaftsgefühl. Dass ein grenzenloses Homeoffice den sozialen Zusammenhalt gefährdet, haben viele Unternehmen schmerzhaft erfahren. Aus diesem Grund ist digitales Arbeiten im Homeoffice limitiert.  

Zwischen Kern und beweglichen Formen

Neben der weiteren Digitalisierung werden Unternehmen ihre Arbeitsorganisationen und -strukturen noch stärker flexibilisieren und den Anteil der Projektarbeit weiter steigern. Die klassische Linienorganisation dankt in der Nach-Corona-Zeit weiter ab. Zum Rückgrat von Unternehmen entwickeln sich stattdessen digitale Prozesse und automatisierte Regelwerke.  

Außerdem müssen sich Unternehmen fragen, für welche ihrer Aufgaben sie einen festen Kern an Mitarbeitern benötigen, die unabdingbar sind und welche Themen sie an Netzwerkpartner übertragen.  Denn je beweglicher die eigene Organisation aufgestellt ist, umso schneller kann sie auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren und bei Bedarf externe Ressourcen reduzieren. Das ist ebenfalls kein neues Thema, denken wir an den Begriff des atmenden Unternehmens. Durch Corona schlägt er wieder durch.  


„Zum Rückgrat von Unternehmen entwickeln sich digitale Prozesse und automatisierte Regelwerke.“

Frank Schabel

Auch der dritte Punkt im Ausblick auf die künftige Arbeitswelt ist nicht vollkommen neu. Seit einiger Zeit rückt der nachhaltige und sinnvolle Beitrag, den Unternehmen für die Gesellschaft leisten, in den Blickpunkt. Nicht nur durch Corona haben wir gelernt, wie fragil unser gewohntes Arbeiten sein kann und wie wichtig es ist, zusammenzurücken. Nun müssen Unternehmen ihren Stakeholdern und ihren Mitarbeitenden explizit aufzeigen, welchen purpose sie jenseits des erzeugten Profits stiften. Bei allem Purpose: Shareholder Value und Profitmaximierung wie auch das Beschwören von Wachstum sind deshalb keineswegs vom Tisch.

Das gilt im Übrigen auch für die anderen aufgeführten Themen, die mit Spannungen verbunden sind. So steht eine höhere Flexibilität in der Arbeitswelt in Konflikt mit dem Bedürfnis der Mitarbeitenden nach Sicherheit. Ein entgrenztes Arbeiten im Homeoffice gefährdet die Gesundheit. Diese Ambivalenzen gilt es auszubalancieren. Dadurch wird die Arbeitswelt der Zukunft noch komplizierter und geprägt durch Zwickmühlen, die keine einfachen Lösungen zulassen.

Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit

Zum Schluss blicke ich noch kurz über den Tellerrand der klassischen Erwerbsarbeit. In der Arbeitswelt von morgen könnte sich im Zuge von Corona-Krise etwas vollziehen, was seit Jahren immer wieder aufflackert, wenn wir über Arbeit nachdenken. Diese Debatte wird nun noch lauter. Gehen wir davon aus, dass digitale Abläufe in den nächsten Jahren immer mehr Prozesse und Aufgaben von Menschen übernehmen, stehen wir vor einer massiven Arbeitszeitverkürzung. Das bedingungslose Grundeinkommen lässt grüßen.

Gleichzeitig wünschen sich Menschen vernetzte und ganzheitliche Lebensmodelle, dies spiegelt der Hype um Purpose wider. Dies führt dazu, dass wir einen allumfassenderen Begriff von Arbeit entwickeln. In ihm bleibt Erwerbsarbeit zwar ein wichtiges – Element, doch wird sie zunehmend ergänzt durch soziale Arbeit in der Familie, in unserer Nachbarschaft genauso wie in Ehrenämtern oder im gesellschaftlichen Engagement. Dass ohne Gemeinwohl fast alles nichts ist, hat uns Corona gelehrt.

Über den Autor

Frank Schabel,
Senior Manager der Hays AG, freiberuflicher Managementberater

Aufmacherbild / Quelle / Lizenz
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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