Gig-Economy und digitale Nomaden

Selbstbestimmt arbeiten, wo andere Urlaub machen

von Andreas Fuhrich

Ein paar Lieder in einer Bar oder auf einer Hochzeit. Die Gage reicht gerade so für das Notwendigste und die Tankfüllung zum nächsten Gig – zur Not verdient man sich noch ein paar Groschen als Straßenmusiker. Immer verbunden mit der Hoffnung, entdeckt zu werden und eines Tages auf Festivals auftreten zu können. Musiker sind so etwas wie die Urväter der Gig-Economy.

Die Rolle des Tourmanagers haben im digitalen Zeitalter allerdings Plattformbetreiber übernommen und der Gig hat sich von der Musik gelöst. Aus einem kurzen Auftritt ist ein kurzer Auftrag geworden. Hier eine Kurierfahrt, dort eine Übersetzung – für nahezu jede Dienstleistung gibt es mittlerweile Plattformen, die zwischen Auftraggeber und Gig-Worker vermitteln.

Die Plattformbetreiber sehen sich dabei in der Regel als Software-Unternehmen, die keine Arbeitsverhältnisse anbieten, sondern Arbeit allenfalls organisieren. Der wachsenden Schar der Auftragnehmer fehlen so Ansprüche aus Sozialversicherung und Urlaub, von Mitbestimmungsregeln ganz zu schweigen. Der Gesetzgeber muss hier seiner Pflicht nachkommen, eine „faire Regelung in der Platt­formökonomie zu schaffen“, lautete bereits 2016 eine Forderung im „Weißbuch Arbeiten 4.0“. Mit dem vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales herausgegebenen Werk sollte ein Impuls zur gesellschaftlichen Gestaltung der Zukunft der Arbeit gesetzt werden. Geändert hat sich allerdings noch nichts. Hinzu kommt, dass viele dieser Arbeiten pro Auftrag und nicht pro Zeitaufwand abgerechnet werden und bei realistischer Betrachtung die Einnahmen noch unter dem Mindestlohn liegen.

Digitale Nomaden

Eine Lösung für diejenigen, welche dennoch an dieser Art der besonders flexiblen Lebensweise festhalten wollen, ist daher der Gang ins Ausland. Viele der Tätigkeiten lassen sich nahezu überall auf der Welt ausführen. Alles, was dafür benötigt wird, sind ein Laptop sowie eine stabile Internetverbindung. Am bulgarischen Goldstrand beispielsweise lebt es sich auch mit wenigen Euros ganz gut. Außerhalb der EU finden sich noch günstigere und mindestens ebenso schöne Gegenden. Südostasien, Afrika, Latein- und Mittelamerika – warum nicht arbeiten, wo andere Urlaub machen? Wer hier dauerhaft leben will, muss sich nach den verschiedenen Bedingungen für ein Visum erkundigen. Da man nur in seltenen Fällen dauerhaft in einem dieser Länder bleiben kann, führen viele ein Leben als digitaler Nomade und verbinden ihre Arbeit mit einer Reise durch die verschiedensten Länder – ganz so wie Musiker.

Co-Working Spaces nehmen bei diesem Vergleich den Platz von Festivals ein. Denn neben Start-ups treffen sich hier auch immer öfter weltenbummelnde Freelancer, die sich die Bühne des Arbeitsplatzes teilen. Immer häufiger liegen diese außerhalb der hektischen Ballungsgebiete in der Natur. Hier können digitale Nomaden arbeiten, entspannen, den Gedanken freien Lauf lassen und zugleich Urlaub machen. Einige dieser Co-Working Spaces bieten mittlerweile schon Übernachtungen vor Ort an. So kann die Gemeinschaft mit anderen intensiver und kreativer erlebt werden. Miete für das Kurzzeitbüro und ggf. das dazugehörige Hotelzimmer veranschlagen allerdings zusätzliche Kosten, weswegen hier eher die besser verdienenden digitalen Nomaden angesprochen werden. Auf den Festivalbühnen dieser Welt spielt schließlich auch nicht jede Hochzeitsband. Die „Frontliner“ unter den digitalen Nomaden üben meist eine IT-nahe Tätigkeit aus und arbeiten beispielsweise als Softwareentwickler, Web- bzw. UX/UI-Designer oder Projektmanager und oft auch länger für einen Auftraggeber als nur für einen Gig. Manch einer lebt allerdings tatsächlich von der Kunst, schließlich gibt es auch dafür Plattformen. //

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