Digitalisierung durch Corona?

Verbreitung und Akzeptanz von Homeoffice in Deutschland

von Dr. Roland A. Stürz, Christian Stumpf, Ulrike Mendel, Yvonne Hemmler

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Digitalisierung und die Flexibilisierung des Arbeitsorts. (1,2) Die Arbeitswelt in Deutschland war bisher von einer ausgeprägten Präsenzkultur gekennzeichnet, bei der Beschäftigte in der Regel vor Ort beim Arbeitgeber arbeiteten. In Sachen Homeoffice-Nutzung lag Deutschland im europäischen Vergleich deutlich unter dem Durchschnitt der 28 EU-Mitgliedsstaaten. So betrug der Anteil der Berufstätigen in Deutschland, die mindestens ab und zu von zu Hause aus arbeiteten, 2019 nur rund 13 Prozent, während er bei den Spitzenreitern Schweden, den Niederlanden, Luxemburg und Finnland teils ein Drittel überstieg.(3)

Die Corona-Krise hat jüngst jedoch weitreichende Auswirkungen auf das Arbeiten von zu Hause aus entfaltet. Viele Unternehmen reagierten mit einer Einführung oder Ausweitung von Homeoffice auf die Krise, um direkten Kontakt zwischen Kollegen zu vermeiden und damit das Ansteckungsrisiko zu senken. Um ein besseres Bild von den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Nutzung von Homeoffice zeichnen zu können, hat das Bayerische Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt) zwei repräsentative Befragungen von deutschen Internetnutzern durchgeführt. Dabei wurden unter Nutzung von Google Surveys Ende März und Mitte Juni 2020 jeweils rund 1 500 erwachsene Berufstätige zu ihren Homeoffice-Erfahrungen befragt.(1) Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse dieser bidt-Untersuchung dargestellt sowie mögliche Implikationen diskutiert.

Nutzung von Homeoffice vor und während der Krise

Der bidt-Untersuchung zufolge lag der Anteil der berufstätigen Internetnutzer in Deutschland, die zumindest ab und zu Homeoffice nutzten, vor der Corona-Krise bei rund 35 %. Erwartungsgemäß hat die Nutzung von Homeoffice mit Beginn der Krise zugenommen. Ende März lag der Anteil der Homeoffice-Nutzer bei 43 % und damit um 8 Prozentpunkte mäßig höher als vor der Krise. Zum zweiten Befragungszeitpunkt Mitte Juni lässt sich bereits ein leichter Rückgang auf 40 % erkennen.

Deutlich mehr Zuwachs als die Homeoffice-Nutzung an sich hat jedoch die Intensität der Arbeit von zu Hause aus erfahren. So hat sich der Anteil der Berufstätigen, die mehrmals pro Woche Homeoffice nutzten, von 20 % vor der Corona-Krise auf fast 40 % Ende März nahezu verdoppelt. Mitte Juni fiel dieser Wert zwar wieder geringer aus, jedoch arbeitete nach wie vor fast ein Drittel der Berufstätigen mehrmals pro Woche von zu Hause aus. Zugleich zeigen die Zahlen aber auch, dass selbst während der Corona-Krise eine Mehrheit der berufstätigen Internetnutzer kein Homeoffice nutzte.

Gründe gegen Homeoffice

Betrachtet man die Gründe, warum Homeoffice vor der Corona-Krise nicht genutzt wurde, so fallen bedeutende Unterschiede zwischen Berufstätigen, die weder vor noch während der Corona-Krise im Homeoffice waren, und solchen Berufstätigen, die nun während der Corona-Krise erstmals Homeoffice nutzten, auf. So gaben 80 % der Befragten ohne jede Homeoffice-Nutzung an, Homeoffice sei aufgrund ihrer Tätigkeit generell nicht möglich.

Dahingegen war bei den Homeoffice-Neulingen der am häufigsten genannte Grund die mangelnde Erlaubnis des Arbeitgebers vor der Krise (39 %). 26 % der Homeoffice-Neulinge wollten von sich aus Homeoffice vor der Krise nicht nutzen. Im Zuge der Corona-Krise mussten also offensichtlich Arbeitgeber ihre ablehnende Haltung gegenüber Homeoffice aufgeben. Arbeitnehmer mussten Homeoffice nutzen, obwohl sie dies bisher nicht wollten.

Zufriedenheit mit der Situation im Homeoffice

Die Zufriedenheit der berufstätigen Internetnutzer mit der Arbeit von zu Hause aus ist hoch. So gaben zu Anfang der Corona-Krise Ende März 81 % an, mit ihrer Situation im Homeoffice eher oder sehr zufrieden zu sein. Mitte Juni stieg dieser Anteil sogar noch weiter auf 85 % an. Die Zufriedenheitswerte schwanken jedoch zwischen verschiedenen Personengruppen.

So liegt beispielsweise der Anteil an Zufriedenen unter Frauen mit Kindern, Personen mit Kindern unter 14 Jahren im Haushalt sowie unter Alleinlebenden und Homeoffice-Neulingen etwas unter dem Durchschnitt. Unter Personen in Haushalten, in denen die Lebenspartner ohne Kinder zusammenleben, in Haushalten mit ausschließlich älteren Kindern sowie unter Männern in Haushalten mit Kindern und unter Frauen ohne Kinder ist der Anteil an Zufriedenen dagegen überdurchschnittlich hoch.

Wunsch nach mehr Homeoffice und Erwartungen zu Homeoffice nach der Krise

Die grundsätzliche Zufriedenheit mit der Situation im Homeoffice spiegelt sich im weitverbreiteten Wunsch nach mehr Homeoffice wieder. So wünschen sich rund 70 % der Arbeitnehmer, die Homeoffice bei ihrer Tätigkeit prinzipiell für möglich halten, dass die Arbeitgeberseite dafür mehr Möglichkeiten nach der Corona-Krise schafft, als dies vorher der Fall war. Viele Befragte haben jedoch Zweifel, ob die krisenbedingt forcierten Homeoffice-Möglichkeiten auch später noch von den Arbeitgebern aufrechterhalten werden. So gehen 55 % der Befragten davon aus, dass die Arbeitgeberseite die Homeoffice-Möglichkeiten nach der Corona-Krise wieder auf den Umfang vor der Krise reduzieren wird.

Implikationen und Ausblick

Die Ergebnisse der bidt-Untersuchung legen nahe, dass sowohl die Arbeitgeber- als auch die Arbeitnehmerseite die gegenwärtig forcierte Nutzung von Homeoffice als Chance sehen sollten, die bisherige ausgeprägte Präsenzkultur hinter sich zu lassen. Beide Seiten sollten nun über einen langfristigen Einsatz von flexiblen Arbeitsformen auch über die Corona-Krise hinaus nachdenken und entsprechende Regelungen treffen. Diese Regelungen sollten dabei bekannte Vor- und Nachteile von Homeoffice berücksichtigen.


Kernaussagen

  • Die Nutzung von Homeoffice in der Corona-Krise ist mäßig und die Häufigkeit der Homeoffice-Nutzung stark gestiegen.
  • Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite sollten die coronabedingte Forcierung von Homeoffice als Chance sehen und Regelungen für einen langfristigen Einsatz flexibler Arbeitsformen über die Corona-Krise hinaus treffen. Als sinnvolles Ziel erscheinen dabei Regelungen, die die Vorzüge von Homeoffice mit den Vorteilen der Präsenzarbeit verknüpfen.
  • Vor der Corona-Krise erlaubten vor allem Arbeitgeber kein Homeoffice, gleichzeitig gab es aber auch einige Arbeitnehmer, die kein Homeoffice nutzen wollten.
  • Die Zufriedenheit der Arbeitnehmer mit ihrer Situation im Homeoffice ist hoch. Eine deutliche Mehrheit wünscht sich zudem, nach der Corona-Krise häufiger im Homeoffice arbeiten zu können als zuvor.


So belegen andere empirische Studien ebenso Vorteile von Homeoffice aufgrund einer höheren Arbeitszufriedenheit sowie Vorteile aufgrund einer höheren Arbeitsleistung. Darüber hinaus wird die Nutzung von Homeoffice häufig mit einer höher erlebten Autonomie sowie einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie assoziiert.(4,5)

Allerdings werden auch negative Effekte von Homeoffice berichtet, wie beispielsweise ein Aufweichen der Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben, die vermehrte Leistung von Überstunden sowie in Folge gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Stress und Erschöpfung.(5,6) Besonders bei Arbeitnehmern mit elterlichen Verpflichtungen kann die Arbeit im Homeoffice schnell zu einer Doppelbelastung zwischen Kinderbetreuung und beruflichen Verpflichtungen führen. Darüber hinaus wird, vor allem bei einer hohen Intensität der Homeoffice-Nutzung, eine Beeinträchtigung der Beziehungsqualität zwischen Kollegen als Nachteil von Homeoffice angegeben.(4)

Als sinnvolles Ziel erscheint daher eine Kombination aus Homeoffice-Tagen mit Präsenztagen im Betrieb, um die Vorteile beider Arbeitsmodelle miteinander zu verknüpfen und auch weiterhin den produktiven persönlichen und informellen Austausch zwischen Kollegen zu ermöglichen. Explizite Absprachen zu Arbeitszeit und Erreichbarkeit im Homeoffice können zudem einem Aufweichen der Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben entgegenwirken.(7)

Eine Flexibilisierung der Arbeitswelt wird auch starken Einfluss auf zahlreiche andere Bereiche entfalten. Zu nennen sind unter anderem Effekte auf die Umwelt und das Stadtbild, soziale Aspekte sowie Auswirkungen auf die Nachfrage nach Geschäftsreisen oder Büroimmobilien. Die Forschung sollte frühzeitig beginnen, sich mit den damit verbundenen Fragen auseinanderzusetzen. //

Nehmen Sie Kontakt zu den Autoren auf:

Dr. Roland A. Stürz

www.handbuch-hr.de/autoren/r-stuerz

Quellen und Anmerkung
Die Inhalte dieses Beitrags wurden größtenteils bereits in den Arbeiten von Stürz et al. (2020)(1) sowie Stürz und Hemmler (im Druck)(2) veröffentlicht. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden bei personenbezogenen Bezeichnung ausschließlich die männliche Form verwendet. Die Bezeichnungen beziehen sich dennoch auf Angehörige aller Geschlechter.
(1) Stürz, R.A./Stumpf, C./Mendel, U./Harhoff, D. (2020): Digitalisierung durch Corona? Verbreitung und Akzeptanz von Homeoffice in Deutschland. Bayerisches Forschungsinstitut für Digitale Transformation. https://www.bidt.digital/wp-content/uploads/2020/09/bidt_Studie-Homeoffice-II.pdf, abgerufen am 15.09.2020.
(2) Stürz, R.A./Hemmler, Y.M. (im Druck): Corona und Homeoffice: Verbreitung, Akzeptanz und Folgen von Homeoffice. In: Bering, R./Eichenberg, C. (Hrsg.): Die Psyche in Zeiten der Corona-Krise (2. Aufl.), Klett-Cotta.
(3) Eurostat (2020): Employed persons working from home as a percentage of the total employment, by sex, age and professional status (%). https://appsso.eurostat.ec.europa.eu/nui/show.do?dataset=lfsa_ehomp, abgerufen am 18.06.2020.
(4) Gajendran, R.S./Harrison, D.A. (2007): The good, the bad, and the unknown about telecommuting: Meta-analysis of psychological mediators and individual consequences. In: Journal of Applied Psychology, 92:6, 1524–1541.
(5) Waltersbacher, A./Maisuradze, M./Schröder, H. (2019): Arbeitszeit und Arbeitsort – (wie viel) Flexibilität ist gesund? In: Badura, B./Ducki, A./Schröder, H./ Klose, J./Meyer, M. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2019: Digitalisierung – gesundes Arbeiten ermöglichen, Springer, 77–107.
(6) Song, Y./Gao, J. (2018). Does telework stress employees out? A study on working at home and subjective well-being for wage/salary workers. Institute of Labor Economics. https://www.econstor.eu/bitstream/10419/193287/1/dp11993.pdf, abgerufen am 10.07.2020.
(7) Bonin, H./Eichhorst, W./Kaczynsca, J./Kümmerling, A./Rinne, U./Scholten, A./Steffes, S. (2020): Kurzexpertise: Verbreitung und Auswirkungen von mobiler Arbeit und Homeoffice. Bundesministerium für Arbeit und Soziales. https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Thema-Arbeitsrecht/kurzexpertise-homeoffice.pdf;jsessionid=D31E51A40883B9A08E8005E64DFC4C59.delivery2-master?__blob=publicationFile&v=4, abgerufen am 07.10.2020.

Aufmacherbild / Quelle / Lizenz
Photo by Tina Witherspoon on Unsplash

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