Arbeiten 4.0

Oszillieren im Spannungsfeld zwischen Ängsten und Hoffnungen

von Andreas Fuhrich

Die Debatte um die Zukunft der Arbeit wird kontrovers und öffentlich diskutiert. Welchen Einfluss haben neue Technologien wirklich? Was zeichnet eine Arbeitgebermarke in Zukunft aus? Welche neuen Möglichkeiten müssen geboten, welche Herausforderungen bewältigt werden? Speziell die Generation Y hat hohe Ansprüche an ihre Arbeitgeber. Arbeit soll nicht nur Spaß machen, sondern einem höheren Zweck dienen. Die ökologische Nachhaltigkeit von Produkten und Services wird zu einem wesentlichen Auswahlkriterium, genauso wie individuelle Entwicklungsmöglichkeiten. Essenziell ist dabei die Erkenntnis, dass man heute eigentlich nicht mehr von Work-Life-Balance, sondern viel mehr von Work-Life-Integration spricht.

Während sich die jetzige Arbeitnehmergeneration noch über die Errungenschaften der 38,5-Stunden-Woche freut, lässt sich der Begriff der Arbeitszeit immer schwerer definieren. Digitale Technologien wie Cloud, Smartphone und Tablet ermöglichen freieres Arbeiten, orts- und zeitungebunden, führen aber auch dazu, dass die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen. Um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben, müssen zwar Modelle angeboten werden, die mehr Flexibilität zulassen, doch mit Blick auf die Arbeitnehmerzufriedenheit muss trotzdem eine vernünftige Work-Life-Balance ermöglicht werden.

Die einst fest fixierte Büroarbeit hat sich im diffusen Begriff der Vertrauensarbeit verloren. Da die Leistungsanforderung nun nicht mehr in Arbeitszeit bemessen ist, entsteht allzu oft ein Angstgefühl, diese ohne entsprechende unsichtbare Mehrarbeit nicht länger erfüllen zu können. Um den Arbeitnehmer vor dieser unsichtbaren Mehrarbeit zu schützen, entschied der Europäische Gerichtshof in einem Urteil vom 14. Mai 2019, dass Arbeitgeber ein System einrichten müssen, womit die tägliche Arbeitszeit der Mitarbeiter gemessen werden kann.

Das Büro

Das Büro, plötzlich in Konkurrenz mit dem trauten Heim, balzt selbst mit neuen Anreizen. Fixe Schreibtischarbeitsplätze verschwinden und Mitarbeiter können sich in Open-Space-Büros ihren Arbeitsplatz jeden Tag aufs Neue wählen. Dort sitzen sie gruppiert und nur durch niedrige Abschirmungen voneinander getrennt. Kommunikation und Gruppendynamik werden so gefördert, Probleme schneller gelöst. Zusätzlich entstehen Rückzugsräume für ein leises, konzentriertes Arbeiten. Meetingräume werden mit hochwertigen Videokonferenzsystemen ausgestattet, auch um die wachsende Anzahl der Remote Worker einzubinden – sei es für Besprechungen oder Coachingmaßnahmen.

Weiterbildung

Attraktive Arbeitgeber bieten in puncto Weiterbildung jetzt immer mehr Möglichkeiten der Wissensvermittlung, die sich im Zuge der Digitalisierung zusehends von der Druckerschwärze löst. Edutainment bzw. Digital Game-based Learning setzt auf das Motivationspotenzial von Computerspielen. Neben dem Bestreben nach Selbstverwirklichung korreliert die Notwendigkeit zur Weiterbildung im Diskurs zur Arbeit 4.0 mit einem grundlegenderen Konzept der Maslow‘schen Bedürfnispyramide – die Sicherheit des Arbeitsplatzes ist durch die Digitalisierung gefährdet.

So forderte bereits 2016 Andrea Nahles – zu dieser Zeit noch Bundesministerin für Arbeit und Soziales – im Vorwort des „Weißbuchs Arbeiten 4.0“ „eine Weiterbildungsoffensive und ein Recht auf Weiterbildung, weil sich Tätigkeiten in einem neuen Ausmaß verändern“. Der Begriff der Weiterbildung ist in diesem Zusammenhang jedoch trügerisch, denn er suggeriert, dass auf bestehendes Wissen aufgebaut wird. Die viel beschworene Disruption macht jedoch Schluss mit dieser Illusion. Ein Taxifahrer kann noch so viel lernen, ein autonom fahrendes Auto wird er nie. Die Arbeitswirklichkeit ändert sich direkt, indem durch neue Technologien oder Automatisierung Arbeitsplätze einfach wegfallen, sich Anforderungen an Arbeitnehmer stark verändern oder ganz neue Berufe entstehen. Der Taxifahrer von heute ist so gesehen vielleicht der Social-Media-Manager von morgen.

Technologien für die Arbeitswelt

Wer von neuen Technologien nicht ersetzt wird, muss zumindest im Umgang mit diesen geschult werden. So können beispielsweise AR-Brillen die Arbeit erheblich erleichtern. Ingenieure und Maschinenbauer haben jetzt die Hände frei und können sich voll auf die Arbeit konzentrieren, da man alle wichtigen Daten zu einer Maschine direkt vor Augen hat.
Personalarbeiter müssen sich mit neuen Anwendungen vertraut machen, die immer mehr Arbeit automatisieren. Software-Roboter erledigen repetitive Aufgaben komplett fehlerfrei im Hintergrund und es bleibt mehr Zeit für wertschöpfende Tätigkeiten. Kreativität, Beratungserfahrung und Empathie rücken als menschliche Stärken in den Vordergrund. Wichtige Kompetenzen für die Erfüllung strategischer Aufgaben, wie beispielsweise die Entwicklung eines maßgeschneiderten Employer Brandings oder die Suche nach High Potentials für besonders anspruchsvolle Fach- oder Führungsaufgaben. Denn, so die Kehrseite der Medaille, gerade durch die Technologisierung der Arbeit wird der Fachkräftemangel noch zunehmen. Die seltene Spezies der ITK-Mitarbeiter wird immer gefragter.

Zusätzlich helfen dem Personaler die Algorithmen künstlicher Intelligenz. Der Blick in die Big-Data-Glaskugel ermöglicht es, negative Trends zu beenden, bevor sie entstehen. Die Datengrundlage kann dabei schier unermesslich sein. Firmen­interne Daten, beispielsweise aus der Bewerbung, Einträge in Social-Media-Kanäle oder Wetterdaten halten her, um Prognosen zu erstellen. Doch wie gläsern will man seinem Arbeitgeber gegenüber sein? Arbeitgeber stehen in diesem Zusam­menhang daher vor einer besonderen Herausforderung. Einerseits vermag Big Data die Wett­bewerbsfähigkeit des Unternehmens zu stärken, andererseits schafft ihr Einsatz Misstrauen. Sicher ist schon jetzt, dass sich die Arbeitswelt im Kontext der Digitalisierung recht schnell verändert und noch schneller verändern wird.

In den Fabrikhallen spricht man in diesem Zusammenhang von der vierten industriellen Revolution: Nach der Einführung mechanischer Produktionsanlagen durch Wasser- und Dampfkraft, der arbeitsteiligen Massenproduktion mithilfe elektrischer Energie und dem Einsatz von Robotik und IT zur weiteren Automatisierung halten nun cyberphysische Systeme Einzug.

Wird der Roboter als Cobot zum Mitarbeiter des Menschen oder verdrängt er ihn komplett aus den Fertigungshallen? Und was bedeutet es dann, wenn nicht mehr nur von Industrie 4.0, sondern gar von Arbeit 4.0 die Rede ist? Die Angst, in Zukunft komplett ersetzt zu werden, steht im Raum. Hier muss die Kommunikation mit der Belegschaft gesucht werden und der Einsatz neuer Technologien transparent gestaltet werden, um Misstrauen vorzubeugen.

Führung, Agilität, Kultur

Trotz aller Technologie sollten die Mitarbeiter schließlich hinter dem Unternehmen stehen. Durch immer komplexere Arbeitsabläufe und Aufgaben muss sich auch das Führungsverhalten ändern. Mitarbeiter fordern mehr Eigenverantwortung und wollen, dass ihnen Vorgesetzte mehr Vertrauen entgegenbringen. Beides Schlüsselfaktoren für eine agiler werdende Arbeitswelt.

Die Geschwindigkeit in digitalen Märkten ist viel höher, Erfolg weniger planbar und das Risiko größer, durch disruptive Veränderungen aus dem Markt gedrängt zu werden. Agile Methoden werden zu einem entscheidenden Erfolgskriterium in einer Umwelt, die durch den stetigen Wandel gekennzeichnet ist, und sind ohne Vertrauen und Eigenverantwortung nicht vorstellbar.

Einige Unternehmen geben sogar die komplette Verantwortung in die Hände ihrer Mitarbeiter. Durch die Ermächtigung der Mitarbeiter in demokratischen Unternehmen eigenverantwortlich zu agieren, erfolgt in einem agil aufgestellten Unternehmen nicht nur ein Zugewinn an Geschwindigkeit, sondern auch an Kreativität und Innovationskraft. Denn es sind in der Regel die Mitarbeiter, die dank ihrer Nähe zum Markt und zum Kunden den nächsten großen Trend schon vor dem Management kommen sehen und nun umso motivierter agieren.

Gig-Economy

Wer keinen Arbeitgeber findet oder finden will, macht sich selbstständig. Die Masse der Crowdworker, die teilweise als digitale Nomaden dort arbeiten, wo andere Urlaub machen, wird immer größer. Online-Plattformen bieten Arbeit in unterschiedlichsten Bereichen an, wodurch neue Möglichkeiten für flexible Arbeitseinsätze entstehen. Die Plattformbetreiber fungieren dabei als Software-Unternehmen, die keine Arbeitsverhältnisse anbieten, sondern Arbeit allenfalls organisieren. Der wachsenden Schar fehlen so Ansprüche aus Sozialversicherung und Urlaub, von Mitbestimmungsregeln ganz zu schweigen. Der Gesetzgeber muss hier seiner Pflicht nachkommen, eine „faire Regelung in der Platt­formökonomie zu schaffen“, wie eine weitere Forderung im „Weißbuch Arbeiten 4.0“ (November 2016) lautet. Wohl auch eher ein philosophischer Beitrag zur heiß diskutierten Debatte um die Arbeit der Zukunft als eine klare Handlungsanweisung. //

Fragen und Anregungen?

Nehmen Sie Kontakt zum Autor auf:
www.handbuch-iot.de/autoren/a_fuhrich

Der Text ist unter der Lizenz CC BY-SA 3.0 DE verfügbar.
Lizenzbestimmungen:
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.