MOOCs: Die soziale Art der digitalen Weiterbildung

Innovative Interaktionsformen motivieren die Lerngemeinschaft und bringen frischen Wind in die Kursangebote aus dem Internet.

Bereits seit dem Aufkommen des Webs in den frühen 90ern können sich Interessierte aus aller Welt in unzähligen ausgezeichneten E-Learning-Angeboten weiterbilden. Dank des Internets spielen geografische Distanzen zwischen Lernenden keine Rolle mehr. Weltweit kann heutzutage jeder von überall und zu jeder Zeit auf universitäre Lehr- und Lernangebote verschiedener Herkunft und Qualität zugreifen. Doch trotz zahlreicher E-Learning-Angebote und dank Internet und Web drastisch vereinfachter Nutzungsmöglichkeiten war die Resonanz lange nur verhalten. Der Funke sprang einfach nicht über und nur relativ wenige nahmen das digitale Lernangebot wahr. Alleine vor dem häuslichen Rechner zu lernen, war wohl doch nur etwas für autodidaktisch begabte Nutzer. Erst die „Massive Open Online Courses“, kurz MOOCs ge­nannt, schafften im Jahr 2012 den Durchbruch. Im Gegensatz zu bisherigen digitalen Formaten steht bei MOOCs die soziale Lerngemeinschaft im Vordergrund. Die Lehrangebote werden in Form von Kursen angeboten und mit Social Media verknüpft. Kursteilnehmer mit ähnlichem Wissenstand können dank der Kombination des Lehr- und Lernangebots mit einer Social-Media-Plattform untereinander in Kontakt treten, Fragen aufwerfen und miteinander diskutieren. Schnell bildet sich so eine virtuelle Lerngemeinschaft, die die Lerner motiviert und animiert, sich weiter mit den angebotenen Lerninhalten zu befassen.

Christoph Meinel
Christoph Meinel

MOOCs – Definition

MOOCs richten sich weltweit an Lernende, für die der Zugriff auf offene Informationssammlungen und die Kommunikation in offenen Gemeinschaften eine Selbstverständlichkeit sind. Der einzelne Kursteilnehmer kann sich jederzeit mit anderen Teilnehmern austauschen und lernt nicht isoliert, sondern in einer virtuellen Gemeinschaft von mehreren Tausend Teilnehmern.
Der Lernprozess entfaltet sich in einer virulenten offenen Partizipations- und Diskussionsatmosphäre. Lehrende und Lernende tragen gemeinschaftlich zur Reflexion des Lehrstoffes und zu dessen Erweiterung bei. Dieses Moment kann sich umso stärker manifestieren, je mehr Teilnehmer sich beteiligen und je heterogener die Gruppe ist. Die Offenheit und Unvorhersehbarkeit macht die Teilnahme an einem MOOC zu einem einmaligen Gemeinschaftserlebnis.

Die innovative Lehrform der MOOCs ist für alle Disziplinen offen, sie ist nicht an ein bestimmtes Fachgebiet gebunden. Jeder Lehrstoff lässt sich multimedial aufbereiten und der Lerneffekt interaktiv durch kurze Multiple-Choice-Selbsttests überprüfen.
Darüber hinaus eröffnen MOOCs auch Räume für die Entwicklung und Erprobung ganz neuer Funktionen, die dann sehr wohl fächerspezifische Bedeutung haben können. So gibt es beispielsweise in der Informatik Projekte, die das Ziel haben, virtuelle Labore bereitzustellen, in denen die Lernenden über das Internet tatsächlich experimentieren und praktische Erfahrungen sammeln können. Auch Peer-Assessment ist ein gern genutzter Aufgabentyp, welcher die Bandbreite an möglichen Fragestellungen vervielfältigt und sogar Teamwork im E-Learning erlaubt.

openHPI – Die MOOC-Plattform

Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) hat mit openHPI die erste europäische MOOC-Plattform geschaffen und bietet dort seither kostenlose Online-Kurse zu IT-Themen in deutscher und englischer Sprache an. Der erste viel beachtete Online-Kurs von Professor Hasso Plattner, Mitbegründer der SAP und Stifter des Hasso-Plattner-Instituts, zum Thema „In-Memory Data-Management“ startete im September 2012. Drei Monate später der erste deutschsprachige MOOC „Internetworking mit TCP/IP“ von Professor Christoph Meinel. Bis heute steigt die Zahl der Nutzer der openHPI-Plattform rasant an. Inzwischen existieren über 55 MOOCs rund um das Thema Informationstechnologie in drei Sprachen. Die Online-Plattform zählt rund 400 000 Einschreibungen von 148 000 Teilnehmern aus 180 Ländern der Welt. Mehr als 40 000 Leistungszertifikate wurden ausgestellt.

Stefanie Schweiger
Stefanie Schweiger

Zertifizierung von MOOCs

Zertifikate schaffen einen Mehrwert für MOOC-Teilnehmer und sind ein zusätzlicher Lernanreiz und Leistungsmotivator. Seit September 2016 haben Kursteilnehmer auf openHPI neben Zeugnissen die Möglichkeit, ein qualifiziertes Zertifikat zu erwerben, und Studierende, sich für ihre Leistungen „Credit Points“ anrechnen zu lassen.
Damit online erworbene Zertifikate anerkannt und wie Präsenzschulungen honoriert werden können, muss die Identität der Lernenden überprüft und Betrug ausgeschlossen werden. Die MOOC-Plattform openHPI nutzt hierfür maschinelle Gesichtserkennung. Bei allen bewerteten Prüfungen wird per Webcam automatisiert kontrolliert, dass die Tests vom Teilnehmer persönlich und ohne fremde Hilfe absolviert werden. Das ausgestellte Zertifikat ist mit einem Foto des Teilnehmers versehen.

Die Zukunft digitaler Bildung

Am HPI erforschen Wissenschaftler seit fünf Jahren die Elemente eines modernen und effektiven E-Learnings. Hierzu zählen die Synchronisation der Lernenden, die Einteilung und kurzweilige Aufbereitung der Lehrmaterialien, verschiedene Feedback-Tools zur Selbst- und Fremdbewertung des Lernerfolgs und die Verkopplung der Kurse mit einer sozialen Plattform, die die Lernenden zu einer sozialen Lerngemeinschaft zusammenschweißt.
Mehrheitlich genutzt wird die openHPI-Plattform von Berufstätigen, die bei IT-Themen auf dem Laufenden bleiben oder sich weiterbilden möchten. MOOCs sind für sie eine einfache und flexible Form der Weiterbildung, denn sie können sich ihre Lernzeit flexibel einteilen. Spezielle Vorkenntnisse sind bei vielen Kursen nicht erforderlich. Sie vermitteln beispielsweise Basiswissen in Webtechnologien und Internetsicherheit oder einer beliebten Programmiersprache und tragen so zu einer besseren digitalen Aufklärung bei.

Qualifiziertes Zertifikat auf openHPI
Qualifiziertes Zertifikat auf openHPI

In Zeiten der digitalen Transformation und Neuorganisation von Unternehmen, in denen viele Mitarbeiter fürchten, mit den rasanten Veränderungen nicht mithalten zu können oder gar abgehängt zu werden, sind MOOCs ein effizientes Instrument, um Mitarbeiter zu schulen und die Menschen beim digitalen Wandel mitzunehmen. Das beweisen nicht nur Big Player wie SAP, die als erstes großes deutsches Unternehmen im Jahr 2013 die Online-Lehrplattform openSAP starteten und seitdem mehr als zwei Millionen Einschreibungen in ihren Kursen zu SAP-Produkten sowie weiteren drängenden Technologiethemen verzeichnen. Auch Unternehmen, Verbände und Institutionen, darunter die Charité Berlin und die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech), nutzen MOOCs zur Mitarbeiterschulung, zur Kundenansprache oder um hochaktuelle Themen in die Gesellschaft zu tragen. Das HPI bietet mit der White-Label-Plattform mooc.house die technische Infrastruktur und unterstützt bei der Produktion der Kurse, die Inhalte kommen vom jeweiligen Partner. Seit 2017 verlässt sich auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf die bewährte Technik des HPI. Über ihre MOOC-Plattform openWHO schult die WHO ihre Mitarbeiter sowie ehrenamtliches Personal weltweit in Krisensituationen.
Die Beispiele zeigen, dass MOOCs in sehr unterschiedlichen Szenarien sinnvoll eingesetzt werden können und dazu beitragen, bestehende Ausbildungen mit digitalen Inhalten zu ergänzen, neue Bildungsformate zu schaffen, und insgesamt helfen, die Vision des lebenslangen Lernens zu realisieren.

von Prof. Dr. Christoph Meinel und Stefanie Schweiger

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