Feedbackkulturen im Kontext von Arbeitswelten 4.0

Rahmenbedingungen für Mitarbeiter, um Innovation und Zufriedenheit langfristig zu fördern und zu etablieren

Feedbackkulturen gewinnen in Zeiten von Arbeit 4.0 aus verschiedenen Gründen besonders an Bedeutung: Einerseits haben sich die Erwartungen von Mitarbeitern bei Partizipation und Wertschätzung verändert und andererseits bieten sich ganz neue technologische Möglichkeiten zur Umsetzung von Feedback in Organisationen. Das Thema Feedback ist auch deshalb im besonderen Fokus, weil Innovation und Agilität nur mithilfe von Feedback langfristig gelebt und systematisch eingeführt werden können. Folglich ist die Weiterentwicklung von Feedbackkulturen für Unternehmen zwingende Voraussetzung, um in der heutigen Zeit erfolgreich am Markt zu bestehen.

Grundsätzliche Überlegungen und thematische Abgrenzung

Eine fundierte Auseinandersetzung mit diesem komplexen Themengebiet erfordert einige grundsätzliche Überlegungen. Bei Feedback geht es immer um den Vergleich des Selbstbilds einer Person, eines Teams oder einer Organisation mit einem oder mehreren Fremdbildern. Zielsetzung ist folglich die Identifikation von blinden Flecken, um darauf aufbauend Handlungsempfehlungen abzuleiten und somit Weiterentwicklung zu ermöglichen. Feedback ist damit aber auch immer ein sehr persönliches und sensibles Thema, da eine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Schwächen notwendig ist, um wirklich Implikationen aus dem Feedbackprozess zu ziehen.

Prof. Dr. Simon Werther
Prof. Dr. Simon Werther

Kultur kann eindrucksvoll mit der Metapher eines Eisbergs beschrieben werden: Einige Merkmale wie Verhaltensweisen, Artefakte wie Gebäude und Kleidung und andere Aspekte sind sichtbar, doch der Kern der Kultur liegt unsichtbar unterhalb der Wasseroberfläche. Sowohl Werte als auch Normen und grundlegende Annahmen sind somit nicht direkt beobachtbar, wodurch Kultur ein komplexes und vielschichtiges Phänomen darstellt. Die Messung und Veränderung von Kultur ist in Unternehmen deshalb ein aufwendiger und langwieriger Prozess, insbesondere auch aufgrund der Stabilität von Kultur, die sich über Jahre und Jahrzehnte als Konsens zwischen allen Beteiligten entwickelt.

Moderne Beispiele für Feedbackinstrumente in Zeiten von Arbeit 4.0

Feedbackkulturen können vor allem dadurch entstehen, wenn sowohl auf der persönlichen Ebene als auch mit digitaler Unterstützung Feedback ausgetauscht und besprochen wird. Auf der persönlichen Ebene kann das beispielsweise in Mitarbeitergesprächen erfolgen, die sinnvollerweise nicht nur einmal jährlich, sondern in regelmäßigen Zyklen und anlassbezogen stattfinden. Genauso kann Feedback in Meetings und Besprechungen integriert werden und natürlich im Arbeitsalltag an beliebiger Stelle ausgetauscht werden, ohne dass es dafür ein festes Format oder einen definierten Rahmen benötigt.

Digitale Tools eröffnen weitere Möglichkeiten, um Feedback systematisch in den Arbeitsalltag zu integrieren:

Dabei kann beispielsweise auf der Ebene von kollegialem Feedback oder Peer-Feedback mit mobilen Feedback-Apps gearbeitet werden, sodass sich jeder Mitarbeiter zu jedem Zeitpunkt Feedback von einem oder mehreren Kollegen einholen kann und genauso Rückmeldung abgeben kann.
Bei Mitarbeitergesprächen können digitale Tools individuelle Schwerpunktsetzungen und flexible Prozesse ermöglichen. Mitarbeiter und Führungskräfte können Mitarbeitergespräche zu beliebigen Zeitpunkten anstoßen, es können verschiedene Inhalte angeboten werden – z. B. ein Kompetenzgespräch auf Basis von 360°-Feedback, ein Zielgespräch, ein Gespräch auf Basis von Peer-Feedback, sodass verschiedene Feedbackinstrumente systematisch miteinander verknüpft werden können.
Darüber hinaus sind selbstgesteuerte Feedbackprozesse möglich, die an etablierte Instrumente andocken, beispielsweise Führungskräftefeedback oder 360°-Feedback. Digitale Tools ermöglichen hier eine vollständige Selbststeuerung durch den Feedbackempfänger, d. h. eine Führungskraft oder ein Mitarbeiter kann zu einem beliebigen Zeitpunkt genau die Themen aus einer Vorlage auswählen, die gerade hilfreich wären, und dann das eigene Team oder andere Personengruppen zum Feedbackprozess einladen.
Auf der Organisationsebene ist mit Kombinationen aus Pulsbefragungen und Mitarbeiterbefragungen eine ganz neue Form der Partizipation möglich, da selbst 100 000 Mitarbeiter zu jedem Zeitpunkt bei einer Entscheidung berücksichtigt werden können. Auf diesem Weg sind Stimmungsbilder in Echtzeit möglich, die sich mittel- bis langfristig stark auf die Feedbackkultur und die wahrgenommene Wertschätzung und Partizipation innerhalb des Unternehmens auswirken.
Eine systematische Integration von Präsenzformaten mit digitalen Tools, beispielsweise Echtzeitfeedback auf einer Mitarbeiterversammlung mit mehreren Tausend Mitarbeitern, führt zu einer neuen Dimension der Integration von Mitarbeitern, bei der sich für jede Unternehmensgröße Anhaltspunkte bieten.

Digitale und analoge Feedbackwelten zur Stärkung von Partizipation und Wertschätzung

Anhand dieser Szenarien wird bereits deutlich, dass Feedbackkulturen in der heutigen Arbeitswelt gerade eine Kombination aus digitalen und analogen Elementen und Instrumenten aufweisen sollten. Der Feedbackprozess an sich – egal ob digital oder analog – kann dabei immer nur den Anfang bilden, denn nach dem Feedback ist bekanntlich vor dem Feedback.

Feedback ist vor allem eine Haltungsfrage – mit digitalen Tools können die Prozesse beschleunigt werden, Voraussetzung ist aber eine entsprechende Grundhaltung aller Beteiligten.

Gerade der Umgang mit den Ergebnissen und die Integration in den Arbeitsalltag machen den langfristigen Erfolg von Feedback aus. Auch hier bieten sich mit digitalen Tools verschiedene Möglichkeiten, um Folgeprozesse und Entwicklungsmaßnahmen im Blick zu behalten und somit echte Veränderung umzusetzen.

Insofern ist Feedback vor allem auch eine Haltungsfrage. Mit der Einführung digitaler Tools können Prozesse beschleunigt und ganz neue Möglichkeiten eröffnet werden, aber Grundvoraussetzung für Feedbackkulturen sind entsprechende Grundhaltungen aller Beteiligten. Als Rollenmodell müssen hier Management und Führungskräfte fungieren, sodass ein Veränderungsprozess in Richtung Feedbackkultur sowohl Top-down als auch Bottom-up durch Initiativen, Vorbilder und Instrumente zum Leben erweckt wird.


Kernaussagen

Feedbackkulturen leben auch in Zeiten der digitalen Transformation von einer Kombination aus analogen und digitalen Formaten. Der persönliche Austausch besitzt weiterhin eine besondere Qualität, die bei Feedbackprozessen berücksichtigt werden muss.

Bei Feedback steht die Identifikation von blinden Flecken im Vordergrund, um kontinuierliche Weiterentwicklung zu ermöglichen. Bei Kultur handelt es sich um den geteilten Konsens an Werten, Regeln und Verhalten in einer Organisation, der sich über die Zeit hinweg herausbildet. Feedbackkultur ist folglich der Konsens darüber, wie innerhalb der Organisation Rückmeldung ausgetauscht und in welcher Form damit umgegangen wird.


Dabei darf nie vergessen werden, dass Kulturentwicklung auch unabhängig von Feedback einen zeitlichen Horizont von mehreren Jahren erfordert. In Kombination mit Feedback, das immer bei unseren blinden Flecken ansetzen muss, ist folglich automatisch eine langfristige Planung erforderlich. Viele Beispiele in Unternehmen belegen allerdings eindrucksvoll, dass selbst in traditionellen Branchen wie im Handel oder im kommunalen Sektor eine Weiterentwicklung in Richtung Feedbackkulturen über die Zeit hinweg möglich ist. //

 

 

von Prof. Dr. Simon Werther

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