Demografie und Arbeitskräfteangebot

Unternehmen haben teilweise noch nicht auf den demografischen Wandel reagiert. Es ist aber höchste Zeit, sein Recruiting hierauf abzustimmen.

Thomas Robert Malthus hat keinen guten Ruf: Ende des achtzehnten Jahrhunderts prognostizierte der Ökonom und Sozialphilosoph ein exponentielles Bevölkerungswachstum in England, dem ein nur lineares Wachstum in der Nahrungsmittelproduktion entgegenstehe. Die Folge seien ein Sinken der Reallöhne, ein starkes Anwachsen der Lebensmittelpreise und schließlich Armut, Hunger, Krankheiten und Seuchen, sodass die Bevölkerung wieder zurückgehe. Beobachter sprechen auch von der „Malthusianischen Falle“, um vor Fehlprognosen zu warnen. Oder um es mit Mark Twain zu sagen: „Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“ Dennoch wird, wenn die Auguren richtig liegen, die Bevölkerung Europas in den kommenden 30 Jahren sinken, während die der anderen Kontinente, allen voran die Afrikas, steigen wird. In Europa wiederum gibt es Länder, die stärker vom Bevölkerungsrückgang betroffen sind, wie etwa die Länder Mittelost- und Osteuropas, während andere Länder, wie bspw. Großbritannien oder Frankreich, das Bevölkerungsniveau halten oder sogar steigern können. Für Deutschland wird ein leichter Rückgang von rund 82 auf 80 Millionen bis 2035 und ein drastischerer Rückgang auf rund 73 Millionen bis 2060 erwartet.(1) Innerhalb Deutschlands wiederum werden besonders die ostdeutschen Bundesländer sowie Gebiete in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz vom Bevölkerungsschwund betroffen sein, während dank Nettozuwanderung Bayern, allen voran Oberbayern, und Baden-Württemberg leicht hinzugewinnen werden.(2) Auch Immigration, also Einwanderung nach Deutschland, wird angesichts einer durchschnittlichen Kinderzahl in Deutschland von 1,4 – zur Stabilisierung der Bevölkerung wären 2,1 erforderlich – den Bevölkerungsrückgang nicht verhindern, so die Prognosen. Mit dem Bevölkerungsrückgang einher geht die Alterung der Bevölkerung, wobei hier die steigende Lebenserwartung der treibende Faktor ist. Das Statistische Bundesamt rechnet damit, dass die Lebenserwartung bei Geburt für Mädchen um rund acht Jahre auf über 90 Jahre und für Jungen um neun Jahre auf 87 Jahre steigen wird.(3) Angesichts einer niedrigen Geburtenrate und einer steigenden Lebenserwartung stehen also immer weniger Leistungserbringer (Altersgruppe zwischen 18 und 67 Jahren) einer immer größeren Zahl von Leistungsempfängern gegenüber, vor allem Rentnern. Da sich demografische Trends nicht leicht umkehren lassen, vor allem wenn der Prozentsatz der Frauen im gebärfähigen Alter sinkt, müssen Alternativen gesucht werden, nach denen die Politik auch eifrig Ausschau hält. Folgende Alternativen als Instrumente bieten sich an:

  • sukzessive Erhöhung des Rentenalters und Senkung der Rentenhöhe,
  • Stärkung der qualifizierten Einwanderung,
  • Ausbildung und Qualifizierung der Migranten, die nach Deutschland kommen,
  • Einsatz von digitaler Technologie und Robotik.

Instrumente mit Nachteilen

Alle diese Instrumente werden eingesetzt, jedoch ist jedes Instrument mit Schwierigkeiten bzw. Nachteilen verbunden:

  1. Die sukzessive Erhöhung des Rentenalters, die einer Senkung des Rentenbezugs gleichkommt, die Senkung der Rentenhöhe und die Flexibilisierung der Arbeitsmöglichkeiten für „fitte“ Rentner lassen sich nicht fortschreiben, ohne den sozialen Frieden im Land zu gefährden. Schon jetzt macht sich Unmut breit angesichts schmaler (und zu versteuernder) Renten im Vergleich zu ähnlich wirtschaftsstarken Nachbarn (etwa Österreich oder die Niederlande).
  2. Hier hatte die rot-grüne Regierung Schröder mit der Green Card für qualifizierte Kräfte im IT-Bereich eine erste Maßnahme ergriffen. Immer lauter wird im bürgerlichen Lager der Ruf nach einem Einwanderungsgesetz nach australischem oder kanadischem Vorbild. Tatsache ist jedoch, dass die englischsprachigen Länder mit deutlich niedrigeren Steuersätzen und geringeren Problemen mit Rechtsradikalismus es leichter haben, Hochqualifizierte zu gewinnen.
  3. Bei der Qualifizierung von Migranten werden massive Anstrengungen unternommen, doch wirken sich ein durchschnittlich niedriger Bildungs- und Ausbildungsstand sowie kulturelle Differenzen hemmend aus. Ideen, Migranten zu Pflegekräften oder zu Lehrern zu qualifizieren, dürften kaum Realisierungschancen besitzen.
  4. Im Bereich der Robotik besteht, von der Industrie bis zum Gesundheits- und Pflegewesen, eine große Chance. So schreibt die ZEIT: „Schon heute sorgen assistive Technologien wie Sensoren zur Sturzerkennung dafür, dass sich das Pflegepersonal auf seine Kernaufgaben konzentrieren kann.“(4) Das Problem: Roboter zahlen nicht in die Sozialsysteme ein, und eine Steuer auf Roboter, wie u. a. von Bill Gates vorgeschlagen, hat auf absehbare Zeit keine Realisierungschance.

Was bedeutet dies für die Unternehmen? Angesichts zunehmender Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden, müssen sie als Arbeitgeber attraktiver werden, mehr in die Mitarbeiter investieren, vor allem auch in die Gesundheit der Mitarbeiter, ihnen größere Freiräume und Entwicklungsperspektiven geben. Auf die Hoffnung, dass die „Malthusianische Falle“ eintritt und doch alles viel besser wird, sollten sie sich jedenfalls nicht verlassen, galt die Hoffnung schon den alten Griechen eher als gefährliches Laster denn als Tugend.


www.demografie-portal.de

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat mit seinem Informationsangebot eine zentrale Stelle geschaffen, die alle Initiativen bundesweit auflistet, welche sich mit Demografie und Integration beschäftigen. Unternehmen finden hier für ihre Region wertvolle Tipps und Hinweise, wie sie ihr Recruiting dahingehend erweitern können. Auch viele Modellvorhaben werden präsentiert. Hieraus lässt sich lernen, wie etwa erfolgreiche Beispiele wie im hessischen Neustadt funktionieren.


von Dr. Ralf Magagnoli

(1) Prognose der Einwohnerzahl von Deutschland von 2016 bis 2060 (in Millionen), https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1446/umfrage/bevoelkerungsvorausberechnung-deutschland/, abgerufen am 8.8.2017.
(2) Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Die demographische Zukunft von Europa, http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Studien/Kurzfassung_Europa_d_sicher.pdf, abgerufen am 8.8.2017.
(3) Vgl. Statistisches Bundesamt (2015): Bevölkerung Deutschlands bis 2060 – 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden.
(4) Vgl. Peter Ilg, Digitalisierung + Demographie = stabiler Jobmarkt vom 6.4.2017, http://www.zeit.de/karriere/beruf/2017-03/arbeitsmarkt-zukunft-demografie-arbeitsplaetze-fachkraeftemangel, abgerufen am 8.8.2017.

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