Coworking: Mehr Raum für Innovation

Neue Arbeitswelten für eine Gesellschaft im Wandel

Im Zuge der Digitalisierung wandelt sich unsere Gesellschaft zunehmend von einer Industrie- hin zu einer Wissensgesellschaft. Konkret bedeutet dies, dass sich Wissen in Zukunft zur wertvollsten Ressource entwickelt, welches durch die digitale Vernetzung global verfügbar ist. Mit diesem Wandel verändern sich auch die Anforderungen an Unternehmensstrukturen und Arbeitsräume. Work-Life-Balance, Remote Work, Co-Creation sowie agile Teams sind nur einige Beispiele der sich abzeichnenden Trends. Eines dieser neuen Modelle, das Coworking, entwickelte sich in den letzten zehn Jahren laut des Zukunftsinstituts Frankfurt zu einem Megatrend(1), also einer langfristigen Entwicklung, die für alle Bereiche von Gesellschaft und Wirtschaft prägend ist und einen globalen Charakter aufweist.(2)

 

Die Vorteile für die digitalen Nomaden, also z. B. Kreative und Freelancer, welche vor allem in den ersten Jahren die Hauptzielgruppe der Coworking-Spaces waren, liegen auf der Hand: Im Gegensatz zu eigenen Büroräumlichkeiten bindet man sich nicht an einen mehrjährigen teuren Mietvertrag, sondern findet eine vollständige Infrastruktur vor (ausgestattete Räume, Strom, Internet, Drucker, Meetingräume) und man bleibt flexibel in der Anzahl der Mitarbeiter, was vor allem für schnell wachsende Start-ups von immenser Wichtigkeit ist. Doch diese Eigenschaften sind nicht allein verantwortlich für den durchschlagenden Erfolg dieses Konzeptes.

 

Mehr Vernetzung für mehr Erfolg

Auch wenn die digitale Vernetzung auf dem Vormarsch ist, so sind es doch die räumliche Nähe und der persönliche Austausch, welche oftmals den entscheidenden Vorsprung in der Ideenentwicklung bringen. Vorgemacht wird uns dies täglich im Silicon Valley. Auf engstem Raum arbeiten hier Wissenschaftler, Start-ups und Großkonzerne zusammen und bilden das vermutlich fruchtbarste wirtschaftliche Ökosystem der Welt. Durch den engen Austausch interdisziplinärer Akteure entsteht ein Wissenskollektiv mit enormen Potenzial: Nicht nur Unternehmensbereiche, sondern ganze Branchen werden miteinander verknüpft und lassen neue Märkte entstehen. Als Beispiele seien hier Airbnb und Uber genannt. Sharing, Co-Creation und Collaboration sind hierbei Schlüsselbegriffe, welche Innovationen vorantreiben. Hierfür ist jedoch ein Maß an Offenheit und Freiraum notwendig, dem festgefahrene Organisationsstrukturen, Silodenken und Konzernzentralen mit Einzelbüros entgegenstehen.

Anders beim Coworking-Modell: Grundidee ist nicht nur das Teilen eines Büroraumes, sondern auch des Wissens. Coworking-Spaces sind physische Orte der geistigen Zusammenarbeit, der Inspiration und des Austausches. Hier können sich Kreative und Techies, Gründer und Freelancer oder Marketeers und Business-Case-Spezialisten gegenseitig aushelfen, ihr Wissen mit den anderen teilen und sich branchenübergreifend vernetzen. Längst wurde das Innovationspotenzial in Coworking-Konzepten erkannt, das zeigte jüngst der Fall „We Work“. Der US-amerikanische Coworking-Betreiber hat im Juli 2017 von sich reden gemacht, als er eine weitere Investitionsrunde von 270 Millionen Dollar erfolgreich abschließen konnte. Die Unternehmensbewertung stieg somit auf einen geschätzten Wert von 20 Milliarden US-Dollar. (3)

 

 

 

Alles wird agil

Um zukunftsfähig zu bleiben, müssen sich traditionelle Unternehmen den Herausforderungen der Digitalisierung stellen. Zum einen sind das die veränderten Ansprüche der digitalen Generation an ihr Arbeitsumfeld. Hierzu gehören etwa flache Hierarchien, Flexibilität, Selbstbestimmung und eine Vertrauens- im Gegensatz zur Präsenzkultur. Zum anderen eine neue innovative Herangehensweise an die Produktentwicklung. An beiden Stellen können Corporates viel von Start-ups lernen.
Im Silicon Valley längst etabliert haben sich verschiedene agile Methoden. „Build – measure – learn. Repeat!“ Das ist einer der bekanntesten Ansätze, das Lean-Start-up-Prinzip von Eric Ries.(4) Weitere agile bzw. kreative Methoden sind Scrum und Design-Thinking. Gemeinsam haben sie alle eine iterative Vorgehensweise im interdisziplinären Team und lösungsorientierte Denkweisen, die sich stark auf den Nutzer fokussieren.

Die wertvollste Ressource der Zukunft wird Wissen sein. Wissen von Mitarbeitern und Kunden, welche die Innovationskraft vorantreiben. Sie werden in Prozesse, Projekte und Produktentwicklungen mit einbezogen, wodurch sich automatisch zeitliche und räumliche Aspekte der Arbeitsstrukturen verändern. Diese kollaborativen interdisziplinären Strukturen der Methoden spiegeln sich in den Coworking-Spaces und Start-up-Inkubatoren sowie -Acceleratoren wieder: So agil wie die Produktentwicklung soll auch die Arbeitsumgebung sein. Silos müssen aufgebrochen werden, damit Abteilungsdenken gar nicht erst entsteht, Teams müssen interdisziplinär aufgestellt und das Arbeiten muss stark vernetzt sein.

 

Corporate Coworking auf dem Vormarsch

Nicht nur internationale Trendsetter wie Google machen es vor, auch in Deutschland gibt es Vorreiter, wie die Düsseldorfer Unternehmen trivago und Sipgate: Agile, interdisziplinäre Teams, ein offenes Raumkonzept, Glastüren statt geschlossener Einzelbüros, nahbare Chefs.
Doch auch, wenn der konzern­eigene Campus nicht die nötigen Voraussetzungen mitbringt, gibt es Möglichkeiten für ein Arbeiten in innovativer Umgebung. Hier kommen Coworking-Spaces beziehungsweise die daraus weiterentwickelten Start-up-Inkubatoren und -Acceleratoren ins Spiel.
Immer häufiger werden in etablierten Unternehmen interdisziplinäre Innovationsteams zusammengestellt, die für ein Projekt oder die Entwicklung eines neuen Produktes in deren Räumlichkeiten ziehen. Denn wer „out of the box“ denken soll, muss sich auch „out of the box“ bewegen.

Jüngste Beispiele sind der Baumarktriese OBI und das internationale Versicherungsunternehmen Zurich, die direkt am Puls der Innovation an ihren Projekten arbeiten. In diesem Kontext spielt die gezielte Vernetzung mit oder Förderung von Start-ups eine wichtige Rolle für den Wissenstransfer, um die eigene Innovationsfähigkeit voranzutreiben. Diese Arten von Corporate Coworking identifiziert das Fraunhofer IAO in seiner Studie „Faszination Coworking“ als „Ansätze mit Potenzial“.(5) Unternehmen, die solche Ansätze verfolgen, werden ihren Mitarbeitern helfen, die eigene Innovationskraft zu fördern und den Herausforderungen der Digitalisierung besser gewachsen zu sein. //

 

von Carolin Gattermann

 

 

 

Beitragsbilder :
Bilder: Manor Lux Business Photography, © STARTPLATZ

 

Quellen:

(1) Zukunftsinstitut Frankfurt: „Mega Trend New Work“, https://www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrend-new-work
(2) Zukunftsinstitut Frankfurt: „Trends – Grundlagenwissen“, https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/trends-grundlagenwissen
(3) Forbes: „WeWork Hits $20 Billion Valuation In New Funding Round“, https://www.forbes.com/sites/stevenbertoni/2017/07/10/wework-hits-20-billion-valuation-in-new-funding-round/#5395c6631194
(4) Ries, Eric: „The Lean Startup Methology“, http://theleanstartup.com/principles
(5) Quelle: Fraunhofer IAO, IAT Universität Stuttgart: „Faszination Coworking. Potenziale für Unternehmen und ihre Mitarbeiter.“

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